Das Eurovision-Abenteuer Baku

Das Eurovision-Abenteuer Baku

Guten Morgen aus Wien! Es ist noch ein Eurovision Song Contest vorbei und ich bin endlich wieder zu Hause. Das 15-tägige Eurovision-Abenteuer war sehr stressig aber auch sehr schön. Ich habe viel erlebt in Baku und bin voller Eindrücke, die verarbeitet werden müssen. Da dachte ich, ich teile meinen persönlichen und völlig subjektiven Baku-Erfahrungen gerne mit euch mit.

Die Stadt Baku – eine große Baustelle

Nachdem mich Taxi vom Flughafen ins Hotel brachte, ginge ich Richtung Pressezentrum um meine Akkreditierung abzuholen. Ich wusste zwar nicht, in welche Richtung ich gehen soll, da aber Kristallhalle nicht zu übersehen war, wusste ich, dort muss ich hin. Da es ein sehr schöner Tag war, habe ich entschieden, ich gehe zu Fuß. Fehlentscheidung! Ich bräuchte eine Stunde lang, bis ich das Akkreditierungszentrum erreichte. Das Erste was mir auf dem Weg dorthin aufgefallen ist waren Baustellen – eine Menge Baustellen. Ganz gleich, wo ich mich bewegte, fand ich Baustellen. Zwei Wochen später, am Tag des Eurovision Song Contest Finale, war keine Baustelle mehr auf der Route Altstadt – Kristallhalle zu finden. Unglaublich, wie schnell sie in Baku gebaut haben.

Die Menschen in Baku

Ganz gleich, was ich anhatte und wo ich mich bewegte, jeder der Einheimischen suchte direkten Blickkontakt mit mir. Anfangs fühlte ich mich wie in einer Auslage in einem Einkaufszentrum. Offenbar bekommen Baku-Einwohner nicht viele Gäste aus Europa und anscheinend waren wir für sie eine Art Attraktion. Man gewöhnt sich aber schnell an diesen Zustand. Zwei, drei Tage später fand ich das sogar lustig. Wann habe ich schließlich die Möglichkeit permanent angegafft zu werden. In Wien kannst du stundenlang in einem Lokal sitzen und keiner bekommt mit, dass du da bist. Das kann einem in Baku nicht passieren. Die Menschen in Baku sind sehr verunsichert. Sie brauchen ständig eine Bestätigung, dass sie nett und gut sind. Jeder mit dem ich Kontakt hatte stellte dieselbe Frage: Magst du Baku? Magst du Aserbaidschan? Magst du Menschen in Baku? Das Selbstbewusstsein bei den Einwohnern von Baku ist nicht ausgeprägt. Hast du aber einmal Kontakt mit denen gehabt und sie ein zweites Mal gesehen, dann lächeln sie dich an und kommen gleich auf dich zu – sofern sie englisch sprechen. Das trifft vor allem auf Volontäre im Pressezentrum zu. Sie waren stets freundlich, fragten immer wieder, ob alles o. k. ist, ob man Hilfe braucht. Und das immer mit einem breiten natürlichen Lächeln. Das fand ich sehr schön.

Die Sprachkenntnisse

Ganz andere Situation in der Stadt. Damit möchte ich nicht sagen, dass die Menschen in der Stadt nicht freundlich sind, das aber zu erfahren ist kaum möglich – kaum einer spricht englisch in Baku. Mit Englisch kommst du hier nicht weiter. Kannst du russisch, hast du Glück. Russisch sprechen sie. Da ich aber russisch nicht kann, war die einzige Möglichkeit miteinander zu kommunizieren Hände und Füße als Verständigungszeichen zu benutzen. Ganz lustig: Ich sprach mit ihnen englisch, sie mit mir in aserbaidschanisch, mit Unterstützung von Händen und Füssen kamen wir immer auf den gleichen Nenner. Manchmal war das aber überhaupt nicht möglich. Ein Beispiel von gestern: Da ich schon vom Hotel aus Taxi Richtung Flughafen bestellt habe, kam dieser und fuhr mich hin. Auch in Baku war gestern Feiertag und aus der Stadt rauszukommen war kaum möglich – die achtspurige Straße, die aus der Stadt wegführt, war überfüllt. Der Stau schlechthin. Schon beim Einsteigen ins Eurovision-Taxi merkte ich, dass das Taximeter nicht auf null, sondern auf 1 Manat war. Ich dachte, das gehört vielleicht so. Mittendrin im Stau sah ich plötzlich ein Schild, das auf dem Rücksitz des Fahrers angebracht war, mit dem Hinweis: “Bitte sagen Sie dem Fahrer den Taximeter zurückzusetzen”. Ich dachte ich versuche es mal. Dass er mich nicht verstanden hat, war ganz schnell klar; Auf meine Frage deutete er mit den Händen: “Ich kann nicht schneller fahren. Siehst du nicht der Stau in der Stadt?” Ich gab gleich auf. Ich war einfach zu müde um einen neuen Versuch zu starten mich mit ihm zu verständigen. Nun brachte er mich zum Flughafen und kassierte dafür 17 Manat. Auf dem Taximeter standen aber 13, 80 Manat. Egal, ich gab ihm das Geld und war froh endlich auf dem Flughafen zu sein.

Das Geld

Ja, auf das Geld muss man in Baku gut aufpassen. Nicht, dass man auf der Straße überfallen wird, das nicht, aber beim Einkaufen und Bezahlen musst du immer wissen, was es kostet, im Restaurant unbedingt die angeschriebenen Preise mitrechnen. Sonst kann schnell passieren, dass man das Dreifache des Wertes bezahlt. Will man in Baku mit dem Taxi fahren, dann unbedingt mit einem der einen Taximeter hat. Nimmt man aber ein Taxi ohne Taximeter – solche gibt es auch in Baku – dann unbedingt mit dem Fahrer den Preis im Voraus ausmachen – sonst kann passieren, dass man bei Auseinandersetzung wegen Überbezahlen mit einem gebrochenen Kiefer aus dem Taxi aussteigt. Genau das ist einem belgischen Delegationsmitglied passiert – am selben Tag ist er dann nach Hause geflogen. Der belgische Delegationsleiter besänftige die Situation bei der belgischen Pressekonferenz: Das kann dir auch in Belgien passieren. Ich möchte damit natürlich nicht sagen, dass das ein Dauerzustand in Baku ist, ist halt aber passiert.

Menschenrechte

Ich bin kein politisch engagierter Mensch, bin aber absolut dafür, dass jeder Mensch seine Rechte haben muss und diese auch von jedem respektiert werden müssen. Allen Menschen auf dieser Erde muss die Meinungsfreiheit gewährleistet werden. In Aserbaidschan ist das nicht immer der Fall. Ich habe in den Nachrichten mitbekommen, dass an einem Tag die Demonstrationen wegen Verletzung der Menschenrechte in der Stadt waren. Ich sah, dass einige Demonstranten von der Polizei buchstäblich durch die Straße gezogen und gegen ihren Willen in Busse getragen wurden. Später habe ich gehört, dass diese Menschen 60 km außerhalb der Stadt einfach abgesetzt wurden. Ob das tatsächlich stimmt, kann ich nicht nachvollziehen. Gehört habe ich es.

Loreen aus Schweden besuchte als einziger Eurovision-Teilnehmer, am selben Tag die Organisation für Menschenrechte in Baku. Mein Kollege Marco und ich waren auch dabei. Die Bilder und Filme, die ich dort gesehen habe, sind echt nicht schön. Warum habe ich nicht darüber berichtet? Die Entscheidung darüber nicht zu schreiben war nicht einfach. Eurovision Austria ist keine politische, sondern eine Eurovision Song Contest Website. Ich persönlich möchte nicht die Politik und Musik miteinander Mischen. Ganz gleich, ob man den Eurovision Song Contest als eine politische Veranstaltung sieht. Ich bekenne mich als Eurovision Song Contest Liebhaber. Alle meine langjährigen Eurovision-Freunde, die ich Jahr fürs Jahr aufs Neue treffe, und jedes Jahr kommen neue Freunde dazu, sind wunderbare und liebevolle Menschen, die sich gegenseitig respektieren und aufeinander freuen. Uns allen verbindet dieselbe Leidenschaft. Diese Menschen sind immer wieder ein Beweis für mich, wie man liebevoll und wunderbar miteinander umgehen kann, ganz gleich, woher einer kommt. Alle Politiker dieser Welt können sich von uns eine Scheibe punkto Respekt und Miteinander abschneiden. Und dieses Gefühl will ich mir nicht mit irgendwelchen politischen Meldungen wegnehmen.

Ja, Menschenrechte müssen respektiert werden. Baku war halt Zentrum des Geschehens, seien wir aber ehrlich, auch wir in Europa sind stets Zeugen von Ungerechtigkeit. Mag sein, dass es uns in Europa besser geht, als Menschen in Aserbaidschan, man braucht aber nur Tageszeitungen aufzumachen oder Nachrichten zu hören, um zu sehen, dass auch hier bei uns die Dinge passieren, mit denen wir nicht einverstanden sind, darüber meckern, aber letztendlich sie akzeptieren. Und bevor wir auf die Welt und andere mit den Fingern zeigen, sollen wir uns lieber selbst an die Nase fassen.

Prominenter Abflug

15 Tage in Baku waren sehr lang. Am Ende wollte ich nur noch nach Hause. Nicht weil es in Baku nicht schön war, das war es, trotz allem. Ich war einfach zu Müde, ich konnte einfach nicht mehr. Das ständige hin und her Rennen macht einfach einem zu schaffen. Berichte schreiben, Videos drehen, Partys besuchen, das Ganze online stellen – alles das macht einem zu schaffen. Nicht nur mir. Alle waren am Ende fix und fertig. Und das alles den Menschen, die nicht vor Ort dabei sein können, die Atmosphäre vor Ort so gut wie möglich nahe zu bringen. Habe ich das wenigstens zu 10% geschafft, bin ich schon glücklich. Jetzt höre ich auf zu meckern denn ich weiß es schon jetzt, dass ich mir das auch nächstes Jahr in Schweden antun werde.

Als Krönung meiner Arbeit durfte ich gestern in einem Flugzeug mit Eurovision-Prominenz nach Wien fliegen. Neben der österreichischen Delegation, befanden sich im Flugzeug Lorren, die diesjährige Eurovision-Gewinnerin, Christer Björkman, der schwedische Delegationsleiter, mit der Eurovision-Trophäe in der Hand, Lys Assia, die erste Eurovision-Gewinnerin – saß direkt vor mir im Sitz – Eva Boto aus Slowenien, Tooji aus Norwegen und Eurovision Song Contest Oberhand Jon Ola Sand. Wo sind die Fotos als Beweis? Gibt es leider keine. Ich verlor meine Fotokamera in Baku Samstag auf Sonntag. Die war nicht mehr auffindbar. Ich hätte ja Video drehen können, meine Videokamera hatte ich an Bord mit, dafür war ich aber einfach zu müde.

Sascha Mutavdzic für eurovision-austria.com

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