Erinnerungen von Ina Wolf, die als Christina Simon vor 40 Jahren Österreich in Jerusalem beim Song Contest vertrat.

Wie kam es dazu Österreich 1979 am Song Contest zu vertreten?
Der ORF trat damals an uns heran mit der Anfrage, im Team Text A. Heller, Musik P.Wolf, mit mir als Sängerin (damals noch Christina Simon) Österreich in Jerusalem zu vertreten. Es war ein Auftragswerk, das ohne Auswahlverfahren statt fand.

Was sind Ihre Erinnerungen  an die Probenwoche vor Ort?
Ich lebte und arbeitete zu dem Zeitpunkt bereits in Los Angeles. Der Song wurde hochkarätig in L.A. recorded, das Solo spielte z.B. kein geringerer als David Sanborn. Ich flog nach Wien und von dort mit dem ORF Team (Ulrike Messer -Krol und Wolfgang Lorenz) an den Austragungsort. Mir sind heute noch die enormen Sicherheitsvorkehrungen in Erinnerung. Es war spannend alle Contestants zu treffen. Die Stimmung war kollegial und natürlich war alles sehr aufregend. Es sollten ja Millionen zusehen. Jeder Teilnehmer hatte punktgenau einen Proben-Auftritt- leider war mein Solist Lou Marini (Sax) noch nicht eingetroffen- seine Maschine aus New York war verspätet. Chaos pur- wir probten so gut es ging ohne ihn- was die Spannung für den Abend noch größer machte. Für einen Profi wie Lou war das kein Thema. Alles lief letztendlich nach Plan.

Jazz ist eine Musikrichtung die damals beim Song Contest nicht üblich war. War Ihnen von Anfang an klar, dass es schwer sein wird Europa  mit dieser anspruchsvollen Stilrichtung sowie einer sehr poetischen Message aus der Feder von Andre Heller zu begeistern ? Mit welcher Erwartung sind sie nach Jerusalem geflogen ?
Wir wußten, dass wir weder musikalisch, noch inhaltlich in die seichte Unterhaltungskerbe schlagen – das wäre für uns nie in Frage gekommen. Und wir wußten auch, dass uns unsere Botschaft, so sie verstanden würde, nur entweder ganz nach vorne bringen könnte – oder wir Schlusslicht werden würden. Und so war es.. Mit Belgien teilten wir uns den letzten Platz. Ein Ranking in der Mitte hätte weh getan. Wir haben uns nie als Verlierer gesehen. Für mich war es bis heute einer der bedeutungsvollsten Auftritte an diesem Ort – einen bis heute noch gültigen Inhalt mit wunderschöner Musik vortragen zu dürfen – ich habe jede einzelne Silbe und jeden Ton gemeint.

Kobi Osrat der Komponist und Dirigent des Siegertitels Hallelujah nahm Sie mit zur Klagemauer in der Altstadt von Jerusalem. Was für ein Erlebnis war dies für Sie ?
Die Gastgeber waren rührend um uns besorgt – wer zum ersten Mal vor der Klagemauer steht, wird diesen Eindruck wohl nie vergessen.

Damals war noch alles live mit einem großen Orchester. Richard Österreicher der Leiter der ORF Big Band war als Dirigent mitgereist. Gibt es Momente an die Sie sich gerne mit ihm zurückerinnern ?
Ich kannte „Richie“ schon lange aus meiner Wien-Zeit. Wir hatten oft miteinander gearbeitet. So fühlte ich mich musikalisch bestens aufgehoben und sicher. Richard war ein immer gutgelaunter und hochprofessioneller Musiker- da gab es keine Sekunde der Unsicherheit am Abend des Contests.

Was bedeutet Ihnen persönlich das Lied Heute in Jerusalem?
An dieses Lied sind sehr schöne Erinnerungen geknüpft. Ich habe Österreich mit Stolz vertreten und das Lied heute noch in meinem Repertoire, da es inhaltlich und musikalisch einfach zeitlos ist. (wenn auch nicht leicht zu singen;-))

Verfolgen sie den Song Contest heute noch?
Jedes Jahr denke ich- nein- heuer nicht mehr… und dann überwiegt die Neugier und ich mache mein eigenes Voting- einfach um zu testen, ob ich den Gewinner ausmachen kann. Und wie schön, wenn es Songs und vor allem Interpreten gibt, an denen niemand vorbeigehen kann. Wie z.B. Salvador Sobral, oder natürlich unsere fabelhafte Conchita Wurst mit ihrem weltoffenen Statement.

Später haben sie u. A. Texte für  Ciff Richard, Starship (Nummer 1 in den USA Billboard Charts mit Sara), The Pointer Sisters, Kenny Loggins, Nik Kersaw, Natalie Cole, Chicago  und vielen anderen geschrieben. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit ?
Ich lebte wie gesagt in California- mit dem weltweiten Erfolg von Sara begann eine Zeit voller spannender und erfolgreicher Arbeit mit vielen hervorragenden Künstlern. Ich bin dankbar, im richtigen Moment am richtigen Ort gewesen zu sein- es braucht eben auch das kleine Quäntchen Glück,- trotz guten Handwerks.

2006 schrieben Sie den Text Songs that live forever für Thomas Anders mit dem er für Deutschland zum Song Contest wollte. Wie sind die Erinnerungen dazu ?
Ich habe Thomas vor Jahren in L.A. kennen und schätzen gelernt , als er sein Solo Album aufnahm und für ihn Texte geschrieben. Über die Jahre hat sich eine liebe Freundschaft entwickelt- ich war im Publikum, als er bei der deutschen Vorausscheidung die Songs that live forever vorgetragen hat- für mich war natürlich er der Favorit.

Was macht Ina Wolf heute ?
Ich bin nach wie vor Text-Autorin für internationale Artists- in deutscher und englischer Sprache – es gibt keinen schöneren Beruf. Nachdem ich nebenbei 20 Jahre lang als Vocal Coach gearbeitet habe, trete ich diesbezüglich etwas leiser. Seit ein paar Jahren arbeite ich zusammen mit einem jungen und erfolgreichen Team in Mannheim. Wir sind im Artist Development tätig und suchen sowie schreiben und produzieren für junge Talente.

2012 erschien Ihr jüngstes Album Mittendrin. Auf welche Musikprojekte können wir uns freuen?
Nach vielen Jahren wollte ich wieder einmal meine eigenen Gedanken musikalisch umsetzen- nicht immer nur für andere schreiben. Leider kam kurz nach der Veröffentlichung in Österreich meine Krebserkrankung dazwischen- die ich zum Glück gut überstanden habe. Soweit ich heute weiss, bin ich gesund. Danach habe ich das Projekt nicht wirklich weiter verfolgt- ich arbeite bereits an diversen neuen musikalischen Abenteuern.

Sie können auf eine erfolgreiche Karriere in der Musikbranche zurückblicken. Wie hat sich diese aus Ihrer Sicht verändert? Heute gibt es ja das Internet, Soziale Medien und Streaming das viele Künstler als Plattform für ihre Musik nutzen…
Ja, nichts ist wie es einmal war. Die Musikbranche, wie ich sie kannte, exisitiert nicht mehr. Der Glaube an Talent ist kurzatmig, entweder man schafft es mit der ersten Single- die 3-Alben Deals sind History. In den Plattenfirmen sitzen Business People- die Zahlen müssen stimmen-der Künstler hat nicht viele Chancen. Musik nimmt einen riesengroßen Stellenwert ein- und hat doch an Wertigkeit verloren- zumindest für die Musikschaffenden. CD Käufe sind selten geworden, man downloaded die Titel ,die einem gefallen. Andrerseits kann heute jeder seine Songs hochladen und sie einer breiten Masse zugänglich machen. Es gibt keinen Nachteil, wo nicht auch ein Vorteil daraus entsteht.

Wer ist für Sie – gerade in beruflich chaotischen Phasen – ihr wichtigster Mentor gewesen?
Da möchte ich niemanden hervorheben. Ich habe im Lauf der Jahre viele interessante und bewunderungswürdige Menschen kennen gelernt- habe jedoch gerade in Konfliktzeiten versucht, auf mich selbst zu hören, mich nicht zu verbiegen, weder inhaltlich , noch mich nach irgendwelchen Trends zu richten.

PAENDA vertritt heuer Österreich beim Song Contest. Welchen Rat möchten Sie ihr auf dem Weg nach Tel Aviv mitgeben?
Paenda ist eine sehr interessante und talentierte Künstlerin- ich bewundere vor allem, dass alles aus ihrer Feder kommt. Ich drücke ihr und Österreich beide Daumen- mein Rat : Genieße die paar Minuten des Auftritts – genieße die Zeit in Tel Aviv- Don’t think of winning- just be Paenda! Should you get nervous: don’t forget it’s only music! Ich werde zuschauen und freu mich!

An dieser Stelle möchte ich Ina Wolf von Herzen danken, sich die Zeit genommen zu haben über Ihre Erinnerungen zu sprechen. Alles Gute und viel Gesundheit nach Vorarlberg.

2 KOMMENTARE

  1. auch heute noch nach so langer Zeit eine Perle der Österreichischen Song Contest Beiträge. Und das sie auch noch den Welterfolgstitel Sara (Starship) mit geschrieben hat zeugt von einer Qualität die man so schnell nicht wiederfindet. Danke schön für diese musikalische Zeitreise.

  2. ein super Beitrag,Heute in Jerusalem gehört noch immer zu meinen ESC Lieblingsliedern.

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