Die VE-Saison 2026: Wer hat wirklich ins Schwarze getroffen? (1)

Die ESC-Vorentscheidungssaison ist längst Geschichte, und alle Acts für den Eurovision Song Contest in Wien sind schon seit geraumer Zeit bekannt: 21 von 35 teilnehmenden Ländern haben ihre Vertreter ganz klassisch über nationale Vorentscheidungen bestimmt – doch haben wirklich alle die richtige Wahl getroffen, oder ist irgendwo bei der Vorentscheidung der heimliche Siegertitel durchgerutscht? Genau das versuche ich in diesem mehrteiligen Feuilleton mit einem Augenzwinkern herauszufinden.

🇦🇱 Albanien: Festivali i Këngës

Das ganze Vor-ESC-Gewusel wurde im Dezember 2025 von den Albanern mit ihrem „Festivali i Këngës“ eröffnet, bei dem stolze 28 Kandidaten angetreten sind. Es gab zwei Semifinale und – man halte sich fest – ein Finale (wirklich!). In den Semifinalen hat ausschließlich eine siebenköpfige Jury abgestimmt, die aus den 28 Acts insgesamt 23 fürs Finale durchgewunken hat. 23?? Ja, genau! 12 aus dem ersten und 11 aus dem zweiten Semifinale. Warum aus dem zweiten Semifinale nur 11 weiterkamen, konnte ich bisher allerdings noch nicht herausfinden. Falls das jemand von euch weiß, gerne ab in die Kommentare! Im Finale durften dann immerhin auch die Zuschauer aus Albanien und dem Kosovo mitmischen und mit einem 50-prozentigen Stimmanteil für ihre Favoriten abstimmen. Es tut mir echt leid für jene fünf, die es im Semifinale erwischt hat – die hätten locker auch ins Finale gehört. Was für eine Blamage!

Der Gewinner des Festivals und damit Albaniens Beitrag für den Eurovision Song Contest ist bekanntlich Alis mit seiner „Klagenummer“ Nân. Für mich persönlich war jedoch die stärkste Komposition des Festivals Rri von Fifi & Tiri Gjoci. Leider kann man den Auftritt hier wirklich nur mit viel Wohlwollen überhaupt als „Performance“ bezeichnen: Die beiden standen auf der Bühne, einander zugewandt, während die Kamera permanent um sie herumkreiste – mir wurde beim Zuschauen schon fast schwindlig. Ein bisschen wie bei den Niederländern 2014, nur dass es damals noch als innovativ durchging. Und trotzdem haben es Fifi & Tiri (die im Deutschen übrigens wie ein perfektes Hundeduo klingen würden) selbst mit dieser „Choreografie“ noch auf den vierten Platz (beim Publikum Platz 3) geschafft – man stelle sich nur vor, was passiert wäre, hätten sie tatsächlich einen überzeugenden Bühnenauftritt hingelegt.

Da hätte man sich wirklich mal etwas Kreativeres als Auftritt einfallen lassen können.

🇲🇪 Montenegro: Montesong

Der montenegrinische „Montesong“, der ebenfalls im Dezember 2025 stattfand, war musikalisch durchaus passabel: Es gab einige wirklich gelungene Kompositionen, aber auch optische Ausreißer – Stefan hätte sich ehrlich gesagt etwas anderes anziehen können als diese altmodische Anwaltstracht. Insgesamt wurden 15 Beiträge präsentiert, aus denen Jury (12 Punkte) und Publikum (10 Punkte) schließlich Tamara Živković als Vertreterin für den Eurovision Song Contest in Wien wählten. Der Song Nova Zemlja ist eigentlich gar nicht so schlecht, wie ihn die Wettbüros sehen – nur der Bühnenauftritt wirkt im Vergleich zu den energiegeladenen Tänzerinnen etwas steif; aber gut, die Dame muss ja auch singen, da kann man nicht gleichzeitig die Bühne komplett auseinandernehmen. Publikumsliebling war übrigens Rhythm Boy, mit dem Lara Baltić den Wettbewerb eröffnet hat – offenbar befinden sich die montenegrinischen Zuschauer (ähnlich wie die deutschen) noch immer im „Fuego-Modus“.

Fuego, mazedonische Version: etwas mehr Drama, weniger Feuerlöscher.

Auf Platz zwei bei der Jury landete Majda Božović mit dem Song Ipak smo ljudi, der auch für mich der beste Beitrag war. Und als wäre das nicht schon genug Anerkennung, bekam Majda am Ende des Wettbewerbs auch noch den Preis für die beste Interpretation. Und wie hat die montenegrinische Publikumsgemeinde auf diesen Song reagiert? Nun ja – sie hat ihm sage und schreibe keinen einzigen Punkt gegeben! „Buuuu an das Publikum!“

🇲🇩 Moldau: Selecția Națională Eurovision

Die ersten nationalen Vorentscheidungen im neuen Jahr fanden am 17. Januar statt. Den Anfang machte Moldau mit der „Selecția Națională Eurovision“, bei der 16 Kandidaten antraten und die sich über vier Stunden hinzog! Die ersten 30 Minuten der Übertragung konnte man fast als Pre-Show bezeichnen, in der praktisch alle bisherigen moldauischen Eurovision-Stars über die Bühne defilierten (wieso kommt dem ORF so etwas nicht in den Sinn? Wahrscheinlich Sparmaßnahmen wegen des Eurovision Song Contest – wobei ihnen so eine Idee auch früher schon nie eingefallen ist). Nachdem sich das Publikum in Chișinău aufgewärmt hatte, begann schließlich der eigentliche Wettbewerb um den moldauischen Beitrag für Wien zu finden. Jury und Publikum waren sich erstaunlich einig und wählten Vlad Sabajuc, besser bekannt als Satoshi, mit dem Song Viva, Moldova! zum Sieger. Ehrlich gesagt gibt es hier nichts zu meckern – das war eindeutig die beste Performance des Abends.

Was könnte man sonst noch aus dieser Vorentscheidung herausheben? Hm. Vielleicht den Auftritt von Bacho mit dem Song Tata (Vater). Der Song an sich ist okay, aber viel spannender ist eigentlich das Staging: Was wollte uns Bacho damit genau sagen? Offenbar präsentiert er sich mit einem Teddybär auf der Bühne als jemand, der im Herzen noch ein Kind geblieben ist – daher vermutlich auch das Stofftier – und der sich als Erwachsener nun mit seinem in der Kindheit emotional abwesenden Vater auseinandersetzt. Oder liege ich da völlig daneben? Für alle ESC-Obsessionierten noch ein Fun Fact: Einer der Komponisten von Tata ist Anton Ragoza, Mitglied von SunStroke Project, jener Gruppe, die dem Land 2017 mit Hey Mamma immerhin den bis heute besten ESC-Platz beschert hat – Platz drei.

Kindheitstraumata à la Moldawien: dramatisch, laut und garantiert nicht für zarte Gemüter.

🇲🇹 Malta: Malta Eurovision Song Contest

Am selben Tag, dem 17. Januar, fand auch das Finale der maltesischen Vorentscheidung „Malta Eurovision Song Contest“ statt. Und gerade als ich dachte, die Moldauer hätten es mit der Sendelänge schon übertrieben, haben mich die Malteser eines Besseren belehrt – 4 Stunden und 11 Minuten, von denen vermutlich mehr als die Hälfte für Werbung und Nicht-Wettbewerbsauftritte draufging. Im Semifinale, drei Tage zuvor, traten 18 Kandidaten an, von denen 12 es ins Finale schafften. Den Sieger bestimmten schließlich gemeinsam Jury und Publikum, und das war – wie bekannt – Aidan mit Bella, der zwar Juryfavorit, aber nicht unbedingt Publikumsliebling war. Das Publikum hätte lieber MATT BLXCK mit Ejja lejja ħdejja ‚l hawn (The Flute) beim Eurovision Song Contest gesehen, der bei der Jury nur Platz 4 belegte.

Ich komme nicht umhin, den absurd großen Punkteunterschied zwischen Jury und Publikum beim Auftritt von Mark Anthony mit Mumenti Sbieħ (Schöne Momente) zu erwähnen. Für die Jury war das offenbar ein regelrechter Gänsehautmoment – anders ist Platz zwei kaum zu erklären. Das Publikum hingegen dürfte sich eher gefragt haben: ‚Warum veranstaltet der da vorne ein öffentliches Selbstmitleid-Konzert?‘ – und hat ihn folgerichtig fast bis ans Tabellenende durchgereicht.

Ah, er versucht also ein bisschen auf Portugiesisch zu singen?
Kein Wunder, dass daraus diese völlig einschläfernde Jammernummer geworden ist – ein echtes Meisterwerk der Langeweile.

🇱🇺 Luxemburg: Luxemburg Song Contest

Acht Kandidaten traten am 24. Januar beim Luxemburg Song Contest an. Sowohl Jury als auch Publikum waren sich erstaunlich einig und schickten Eva Marija mit Mother Nature zum ESC nach Wien. Beim Publikum landete Iream mit Bad Decisions (Hush Hush) auf Platz zwei, während die Jury sie gnadenlos auf den vorletzten Platz verbannte – ein spiegelverkehrtes Ergebnis wie in Malta.

Absolut abgeschlagen Letzter wurde sowohl bei der Jury als auch beim Publikum Andrew The Martian mit seinem I’m The Martian. Die Hälfte des Songs saß er einfach auf der Bühne, den ganzen Song hat er konsequent daneben gesungen – und sah dabei auch noch aus, als wäre er gerade frisch vom Mars gefallen. Passt ja irgendwie.

Wer so aussieht und grölt, muss ja zwangsläufig Letzter werden.

Fortsetzung folgt…

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