Die VE-Saison 2026: Wer hat wirklich ins Schwarze getroffen? (5)

Im letzten Teil dieser Serie werfen wir einen Blick darauf, was die nationalen Vorentscheidungen von Rumänien, San Marino, Polen, Schweden und Portugal so an (Un-)Interessantem zu bieten hatten – inklusive Doppelgängern, Boy-George-Imitaten und den ein oder anderen kleinen Skandälchen.

🇷🇴 Rumänien: Selecția Națională

Vier Runden brauchte es, bis die Rumänen endlich zwölf Songs zusammenhatten, die am 4. März im Finale des Wettbewerbs gegeneinander antreten durften. Dort entschied das Publikum, dass Alexandra Căpitănescu Rumänien mit dem Song Choke Me beim ESC in Wien vertreten soll, während Hvnds mit Dor auf Platz zwei landeten und Alejandro Zandes & Emil Rengle mit Bailando solo den dritten Platz belegten – und da ohnehin fast alle Beiträge nach dem Motto einmal hören, sofort vergessen gestrickt waren, war die Gewinnernummer am Ende wohl einfach die, die man zumindest ein paar Minuten länger im Kopf behalten konnte.

Bitte den Songnamen nicht wörtlich nehmen!

🇸🇲 San Marino: San Marino Song Contest

Was alles nötig war, um den Vertreter San Marinos für den diesjährigen ESC zu finden? Ein Casting, eine sogenannte Stage & Live Academy, zwei Semifinals und ein Finale – dort entschied die Jury, dass Senhit feat. Boy George mit dem Song Superstar nach Wien reisen soll. Zählt man die wegen Covid-19 abgesagte ESC-Ausgabe 2020 dazu, ist dies bereits ihr vierter Auftritt beim Wettbewerb; ihren bisher besten Platz erreichte sie 2021 mit Adrenalina, das sie gemeinsam mit dem Rapper Flo Rida performte (Platz 22 im Finale). In diesem Jahr trat sie beim heimischen Auswahlverfahren offiziell zusammen mit Boy George auf, den man wohl kaum noch vorstellen muss. Allerdings: Obwohl offiziell Superstar von Senhit feat. Boy George aufgeführt wird, erschien er nicht persönlich auf der Bühne – sein Gesicht war gerade mal zehn Sekunden lang als Schatten eingeblendet, genau so lange wie sein Part im Song. Inzwischen zeigt das YouTube-Video nur noch Senhit („feat. Boy George“ wurde entfernt), doch in einem Interview verriet sie, dass er in Wien mit ihr auf der Bühne stehen wird. Na dann, schauen wir mal!

Boy George ist nur mit der Lupe zu entdecken.

Wer außer der Gewinnerin trat noch beim San Marino Song Contest auf? Auf dem zweiten Platz landete Kelly Joyce mit Oh là là, mit der sie locker auch im Pariser Moulin Rouge auftreten könnte, während Paolo Belli mit Bellissima den dritten Platz belegte. Abgesehen von den erwähnten Highlights gab es noch so einige visuelle und akustische – nennen wir es mal – Leckerbissen des Grauens.

Boy-George-Lookalike trifft Quietscheente.

🇵🇱 Polen: Wielki Finał Polskich Kwalifikacji

Die polnische TV hat dieses Jahr bei ihrer Vorentscheidung einen Totalreinfall hingelegt: Erst wurde eine riesige Show an einer spektakulären Location angekündigt, am Ende blieb davon nur eine aufgezeichnete Studioproduktion übrig. Geplant waren eigentlich zehn Kandidaten mit möglichen Wildcards, aber ausgerechnet am Tag der Bekanntgabe der Interpreten sprangen zwei spontan ab, sodass nur noch acht übrig blieben. Die Sendung wurde am 7. März ausgestrahlt, zwar vorab aufgenommen, aber die Kandidaten mussten ihre Songs live und mit genau einem einzigen Versuch performen. Bereits am 28. Februar waren alle Finalsongs samt Künstlerfotos in der TVP-VOD-App veröffentlicht worden; das Online-Voting lief parallel und wurde am 7. März durch eine SMS-Abstimmung ergänzt. Und weil es noch ein bisschen chaotischer sein durfte, wurde der Gewinner erst am nächsten Tag verkündet: Gewonnen hat schließlich klar Alicja Szemplińska mit Pray, die damit endlich ihre zweite Chance bekommt, nachdem der ESC 2020 wegen Corona ausgefallen war.

Super Stimme, aber mit der Blechkette und dem Korsett erinnert sie mich eher an den Zinnmann aus „Der Zauberer von Oz“.

Ola Antoniak belegte den zweiten Platz mit ihrem Blues Don’t You Try, während den dritten Platz Basia Giewont mit Zimna woda (Kaltes Wasser) erreichte, die eine mögliche Alternative für Alicja gewesen wäre.

Diese gehäkelten Masken erinnern mich an die Tischdecken meiner Oma und meiner Mama, die sie gehäkelt haben, als ich klein war.

🇸🇪 Schweden: Melodifestivalen

Absolutes Highlight und ein Muss unter den nationalen Vorentscheidungen ist natürlich der schwedische „Melodifestivalen“ – eine perfekt inszenierte Show, die seit Jahren nach dem Motto „Never-Change-Running-System“ läuft: optisch wie musikalisch jedes Jahr dasselbe. Große Innovationen sucht man hier vergeblich. Ein bisschen langweilig, ja, aber dafür gewohnt unterhaltsam. Auch dieses Jahr gab es 30 Kandidaten, von denen 17 schon früher beim „Melodifestivalen“ aufgetreten sind – darunter ehemalige ESC-Teilnehmer Robin Bengtsson (2017) und Sanna Nielsen (2014), für die es bereits der achte Auftritt bei der Vorentscheidung war. Beide schafften es ins Finale, und ohne Saga Ludvigsson, die letzte wurde, hätten die beiden wohl die letzten Plätze abgeräumt. Am Ende gewann Felicia mit My System, einstimmig von einer internationalen Jury und dem Publikum gewählt. Greczula mit Half of Me landete auf Platz zwei, und Medina mit Viva l’amor knapp dahinter, mit nur zwei Punkten Unterschied.

Ist jemandem aufgefallen, dass A*Teens beim „Melodifestivalen“ aufgetreten sind?

Mein Favorit war keiner der oben genannten, sondern Cimberly mit Eternity. Klar, Outfit und Look erinnerten mich ein bisschen an Bamlak Werner von unserer Vorentscheidung – quasi ein kleiner Déjà-vu-Moment –, aber koreografisch und musikalisch war Cimberly gefühlt 265 Nuancen besser. Ganz ehrlich, bei so viel Performance-Power konnte Bamlak nur staunend zuschauen.

Schade, dass die Schweden das nicht nach Wien geschickt haben

Da ich gerade bei Schweden bin, muss ich unbedingt erwähnen, dass ihre doppelte ESC-Siegerin Loreen ihr drittes Album Wildfire veröffentlicht hat – darauf findet sich auch der ESC-Gewinnersong Tattoo. Ich habe schon in ein paar Foren gelesen, dass einige Fans total begeistert von dem Album sind, aber ich gehöre definitiv nicht dazu. Was mir absolut gar nicht gefällt, ist die Produktion – übersteuert bis zum Umfallen! Loreen klingt mehr nach jemandem, der schreit, als nach jemandem, der singt. Echt schade!

„Is It Love“ ist neben „Tatoo“ mein einziges musikalisches Highlight auf diesem Album, obwohl auch dieses produktionstechnisch zerstört wurde.

🇵🇹 Portugal: Festival da Canção

Die letzte Vorentscheidung dieser Saison hatte Drama im Gepäck. 13 von 16 Teilnehmern erklärten vor dem portugiesischen „Festival da Canção“, dass sie im Falle eines Sieges keinen Fuß zum ESC setzen würden – Schuldige: Israel. Ein Teilnehmer schwieg dazu, und nur Bandidos do Cante und André Amaro sagten unmissverständlich: „Gewinnen wir, fahren wir nach Wien.“ Und siehe da, das Schicksal spielt seine eigenen Streiche: Bandidos do Cante gewannen tatsächlich und werden in Wien wieder ihren Song Rosa präsentieren.

So sympathisch die Jungs auch sind – so einschläfernd und belanglos bleibt leider diese portugiesische Nummer.

Die portugiesische Vorentscheidung bleibt ihrem Sound treu – ein bisschen der typische, leicht einschläfernde Fado, aber dafür mit eiserner Konsequenz. Der Gewinner der Jury, João Ribeiro mit Canção do Querer (Song der Sehnsucht), hat zwar ein winziges Jazz-Upgrade bekommen, das aber kaum ausreicht, um die Augen offen zu halten. Solche Musik höre ich eigentlich gerne, wenn ich nachmittags mal ein Nickerchen machen möchte. Fun Fact: Das Publikum hat diesen Song glatt auf den vorletzten Platz katapultiert.

Wäre vielleicht der Zweitplatzierte des Publikums, Dinis Mota, die bessere Wahl für den ESC gewesen?

Am Ende muss ich noch unbedingt erwähnen, dass Filomena Cautela (die wir als ESC-Moderatorin aus Lissabon kennen) und Vasco Palmeirim zum achten Mal in Folge (!!!) den „Festival da Canção“ moderiert haben. Man kann fast schon glauben, dass sie die Moderation im Schlaf runterrattern und zwischendurch heimlich Fado summen!

🇮🇱 Israel 🇧🇬 Bulgarien

In Israel und Bulgarien gab es praktisch keine richtige nationale Vorentscheidung. In Israel wurde beim „HaKokhav HaBa“ nur der Interpret Noam Bettan ausgewählt, während der Song Michelle intern bestimmt wurde. In Bulgarien hingegen wurde bei der „Natsionalnata selektsiya“ zuerst die Interpretin Dana gewählt, die im Finale drei Kompositionen präsentierte, aus denen Jury und Publikum einstimmig Bangaranga auswählte. Die beide anderen Songs waren der hysterische Curse und die balladeske This is me. Fertig!

Ich habe zufällig auf YouTube dieses Video entdeckt, in dem Noam Bettan, Yuval Rafael und Eden Golan
meinen Lieblings-ESC-Song „Hasheket Shenish’ar“ singen, mit dem Shiri Maymon 2005 in Kiew den vierten Platz belegte.

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