Im heutigen Teil des Serials gibt’s deutsches Fuego, serbisches Gegröle, einen menschlichen Kronleuchter, unentschlossene Italiener und norwegische Schminkstunden – kurz gesagt: ein Sammelsurium aus Drama, Glitzer und „Was geht denn da ab?“.
🇩🇪 Deutschland: Das Deutsche Finale
Bei der deutschen Vorentscheidung zum Eurovision Song Contest am 28. Februar traten neun Kandidaten an, doch am Ende durfte das Publikum seine „freie Wahl“ aus genau drei zuvor von einer internationalen Jury bestimmten Superfinalisten treffen – gewonnen hat schließlich Sarah Engels mit Fire, einem Titel, der wirkt, als gehöre er inzwischen zur ESC-Grundausstattung, während auf Platz zwei der nichtbinäre Liechtensteiner Wavvyboi (bürgerlich Simon Vogt-Grande) mit Black Glitter landete, ein zwar leicht altmodisch klingender, aber deutlich originellerer Beitrag, der vermutlich mehr Mut bewiesen hätte als die gefühlt dreitausendste Fuego-Kopie – inklusive identischem Songtitel.
Zu den musikalischen Vorbildern von Wavvyboi zählen unter anderem Jimi Hendrix und Kurt Cobain – und ich hoffe wirklich, nur musikalisch.
Aber wisst ihr was – trotz allem gefällt mir Fire von der sympathischen Sarah Engels irgendwie doch; allerdings frage ich mich, ob das Publikum sie auch zur Siegerin gemacht hätte, wenn die Jury vielleicht Ciao Ragazzki in die Top 3 gehievt hätte. Sei’s drum: Insgesamt war die deutsche Vorentscheidung dieses Jahr überraschend unterhaltsam und überhaupt nicht so zäh wie sonst, ein großes Lob also an die Organisatoren und besonders an die Moderatorinnen Barbara Schöneberger und Hazel Brugger, die eine richtig gute Show auf die Beine gestellt haben – vielleicht schaut sich der ORF da etwas für die nächste Vorentscheidung ab.
Eine Spaßnummer muss dabei sein – komme, was wolle.
🇷🇸 Serbien: Pesma za Evroviziju
Die serbische Vorentscheidung zum Eurovision Song Contest hatte es dieses Jahr in sich: Insgesamt 24 Kandidaten traten an, fein säuberlich auf zwei Semifinals verteilt, aus denen Jury und Publikum – übrigens mit wechselnder Jury-Besetzung zwischen Vorrunden und Finale – gemeinsam 14 Songs ins Finale beförderten. Dort kam es dann zum großen Gleichklang: Beide entschieden sich tatsächlich für die Gruppe Lavina mit Kraj mene als ESC-Beitrag. Ich frage mich leicht fassungslos: Was ist da bitte passiert? Haben plötzlich alle gleichzeitig die Ohren auf Durchzug gestellt? Denn bei all dem Gebrüll und Gekreische – Gesang würde ich das jetzt eher mutig nennen – wundert es mich kaum, wenn man danach erst einmal Stille braucht. Persönlich hoffe ich, dass der Song im ESC-Semifinale in Wien schnell wieder verschwindet, denn für meinen Geschmack ist das wirklich… sehr gewöhnungsbedürftig.
Diesen Song erträgt man wirklich nur mit Ohropax in den Ohren – und selbst die bitten zwischendurch um Gnade.
Auf dem zweiten Platz (beim Publikum nur Platz fünf) landete die Top-Favoritin Zejna, die mit ihrer Retro-Nummer Jugoslavija aufwartete. Musikalisch wäre das wirklich ein super ESC-Beitrag gewesen – doch Zejna darf sich nun über Platz zwei glücklich schätzen, denn ihre große Chance auf den Sieg hat sie sich mit einer katastrophalen Choreografie selbst zunichtegemacht: Meistens lag sie entweder auf der Bühne herum oder hing in der Luft wie ein menschlicher Kronleuchter. Ganz ehrlich – ich verstehe diesen Auftritt wirklich nicht.
Da würde ich echt gern wissen, wer sich diese Choreografie ausgedacht hat.
Bei der Publikumswertung landete er auf Platz zwei, insgesamt wurde er Vierter: Brat Pelin hat eindrucksvoll bewiesen, dass man aus einer musikalisch eher mittelprächtigen Nummer mit einer genial verrückten Choreografie ein echtes Spektakel machen kann – man weiß nie, ob er gleich auf der Bühne tanzt, fliegt oder plötzlich einen Purzelbaum in der Luft schlägt. Das Publikum konnte einfach nicht wegschauen und wartete gebannt auf die nächste Überraschung. Bravo dafür!
So etwas nennt man wohl ESC-theater deluxe!
🇮🇹 Italien: Sanremo
Beim diesjährigen „Sanremo“ waren sich Jury und Publikum so gar nicht einig – gefühlt hat jeder seinen eigenen Gewinner gekürt: Die Presse krönte Fulminacci mit Stupida sfortuna, die Radiojury setzte auf Ditonellapiaga mit Che fastidio!, und das Publikum entschied sich schließlich für den späteren Gesamtsieger Sal Da Vinci mit Per sempre sì. Und als ob das noch nicht genug Verwirrung wäre, landeten am Ende weder Fulminacci noch Ditonellapiaga auf dem Podium, sondern Arisa mit Magica favola auf Platz zwei und Sayf mit Tu mi piaci tanto auf Platz drei. Da stellt sich am Ende wirklich die Frage: Wer hat denn nun eigentlich gewonnen – und vor allem: Welche dieser Nummern war jetzt die allerbeste? Nur mal ganz nebenbei erwähnt: Sanremo ging über fünf Abende – und insgesamt wurden dabei mehr als 20 Stunden (!!!) Fernsehübertragung serviert. Da braucht man fast schon selbst eine Pause zwischen den Pausen.
Ich habe hier mal Ditonellapiaga herausgepickt – schließlich hat sie am Ende den Preis für die beste Komposition des Festivals abgestaubt.
🇳🇴 Norwegen: Melodi Grand Prix
Neun Kandidaten traten beim diesjährigen norwegischen MGP auf, und Publikum wie Jury wählten einstimmig und eindeutig Jonas Lovv mit Ya Ya Ya zum Sieger. Wie viele Tattoos dieser Mann wohl auf sich trägt? Wirklich, ein Shirt braucht er nur noch als modisches Accessoire – praktisch zieht er sich quasi selbst an. Auf dem zweiten Platz landete ebenfalls bei Publikum und Jury der ehemalige ESC-Sieger Alexander Rybak mit Rise, der natürlich wieder mit seiner Geige auftrat. Ganz ehrlich, ein bisschen langweilig ist es schon, Jahr für Jahr dasselbe zu sehen, oder? Bei Platz drei waren sich Publikum und Jury dann nicht einig – das Publikum wählte Emma mit Northern Light, die Jury hingegen Leonardo Amor mit Prayer. Ich habe Hedda Me herausgepickt, weil sie uns eindrucksvoll zeigt, wie man einen guten Song in Rekordzeit sabotiert: Bikini an, Haare wie nach einem Marathon, Backgroundsängerinnen im Oscar-Glamour-Modus – und ein Auftritt, so aufregend wie eine Schlaftablette.
Man will hinsehen… aber man schläft trotzdem ein.
Ganz zum Schluss des heutigen Serials möchte ich noch Kai Thomas Ryen Larsen erwähnen, einen norwegischen Schauspieler, Tänzer sowie Revue- und Drag-Künstler, der dort unter dem Namen Skrellex bekannt ist und manchen heimischen „Möchtegern-Queens“ glatt Schminkunterricht erteilen könnte. Übrigens war er bereits 2023 beim MGP mit Love Again dabei.
Platz 6, sowohl beim Publikum als auch bei der Jury.
Fortsetzung folgt…




